Intelligenz ist ein Kapital, und wer mit diesem Kapital umzugehen vermag, der kann daraus viel machen.
An dieser Stelle möchte ich Sie über die Thematik ”Hochbegabung” und über die Förderung in meiner Pädagogischen Praxis informieren.
Doch zunächst – was ist eigentlich Hochbegabung?
Es existieren unterschiedliche theoretische Konzepte, die die Abkehr von der Gleichsetzung Hochbegabung = hoher Intelligenzquotient gemeinsam haben. Aktuelle Forschungen gehen von einer Mehrdimensionalität aus, d. h. die überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeit ist nur eine Determinante der Hochbegabung. Hier möchte ich nur zwei Beispiele benennen:
Das triadische Interdependenz-Modell von MÖNKS 1990:
Der niederländische Entwicklungspsychologe stellt ein Modell vor, das auf einem dynamischen Konzept menschlicher Entwicklung beruht. Es untersucht daher in der Praxis nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten, die Kreativität und das Engagement bzw. die Motivation, sondern bezieht auch die Umweltfaktoren vertreten durch die Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Peergroups in die Bewertung der Hochbegabung mit ein. Damit ist Hochbegabung kein statisches Phänomen, sondern veränderlich und beeinflussbar. Psychische Entwicklung auch bei Hochbegabten ist ein dynamischer und lebenslanger Prozess. Daher müssen hochbegabte Kinder identifiziert und gefördert werden.
Das Münchener multifaktorielle Begabungsmodell von Heller und Hany 1993:
Heller lehnt sich an Gardners “multiples Intelligenzmodell” an. Die einzelnen Begabungsdimensionen werden bestimmten Leistungsbereichen zugeordnet. Eine Leistungsexzellenz auf einem oder mehreren Gebieten kann sich entfalten, wenn nichtkognitive Persönlichkeitsmerkmale, Begabungsfaktoren und Umweltmerkmale harmonisch zusammenwirken.
Jegliche Begabung – intellektuell, kreativ, sozial – entfaltet sich nur dann vollends, wenn sie geprägt ist von Verantwortlichkeit, diese Begabung ist nicht nur für sich selbst zu verwenden, sondern auch als Ausdruck der Kommunikation mit anderen.
Die Problematik dieser mehrdimensionalen Begabungskonzepte liegt in der erschwerten Feststellung der Hochbegabung. Hier ist es ratsam mehrere Testverfahren zu durchlaufen, die alle Persönlichkeitsentwicklungen und Leistungbegabungen abdecken, um ein umfassendes Bild beschreiben zu können.
Signalliste für Hochbegabte
- hohe intellektuelle Denkfähigkeit (IQ > 130)-
- aufgabenorientiertes Arbeiten, intrinsische Leistungsmotivation-
- schnelle Auffassungsgabe, hohe Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer beim Lernen-
- internale Attribuierung (Kontrollüberzeugung), hohe Eigenverantwortung-
- hohes Lernbedürfnis und Arbeitstempo-
- ausgeprägte Kreativität bei für das Kind interessanten Aufgabenstellungen-
- hohes Detailwissen in einzelnen Bereichen
- altersungewöhnlicher Wortschatz; ausdrucksvolle, ausgereifte, flüssige Sprache-
- schnelles Merken von Fakten
- schnelles Durchschauen von Ursache-Wirkung-Beziehungen
- Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden
- Erkennen von zugrunde liegenden Prinzipien
- schnelles Herstellen gültiger Verallgemeinerungen
- außergewöhnlich gute Beobachtungsgabe
- schnelles Lesen- und Schreiben lernen
- lesen sehr viel von sich aus, bevorzugen Bücher, die weit über ihre Altersstufe hinausgehen
- erkennbar kritisches, unabhängiges und wertendes Denken in Fragen und Antworten
- motivierte Begabte gehen in bestimmten Problemen völlig auf
- bemüht, Aufgaben stets vollständig zu lösen
- leicht gelangweilt bei Routineaufgaben
- Streben nach Perfektion
- Selbstkritik
- mit eigenem Tempo oder Ergebnis nicht leicht zufriedenzustellen
- unabhängiges Arbeiten, um ausreichend Zeit für das eigene Nachdenken über eine Aufgabe zu haben
- hohe Leistungsziele und Lösen selbst gestellter Aufgaben mit geringster Anleitung und Hilfe durch Erwachsene
- Interesse an vielen Erwachsenenthemen wie Religion, Philosophie, Politik, Umweltfragen, Sexualität, Gerechtigkeit etc.
- stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden
- Bereitschaft sich gegen “Autoritäten” zu engagieren
- individualistische Orientierung
- Suche nach Freunden oft unter Älteren
- Fähigkeit zur Empathie
- hochgradige Sensibilität
- akzeptieren keine Autorität, ohne sie kritisch zu prüfen
- Verfügung über ein breites Fachwissen auf einem oder mehreren Gebieten und schnelles Verarbeiten weiterführender Wissensdaten
- gezieltes Steuern eigener Denkprozesse
- kommen schneller als Andere zu einem Ergebnis, vor allem bei logisch-analytischen Aufgaben
- zielgerichtetes Vorgehen unter Berücksichtigung von Alternativen
- Bevorzugung von komplexen Aufgaben
Nicht alle Kriterien treten gleichmäßig bei hoch begabten Kindern auf. Einzelne Merkmale können nur schwach ausgebildet sein oder auch ganz fehlen. Hochbegabte sind Kinder mit Stärken und Schwächen, wobei die Schwächen auch Symptome für eine Unterforderung sein können!
Mögliche Probleme
Unsere Gesellschaft empfindet Hochbegabung als Privileg. Das hoch begabte Kind erlebt sie jedoch häufig als deutlichen Nachteil.
Das Kind erlebt sich frühzeitig als “unnormal”, da es nicht den gängigen Vorstellungen der Gesellschaft entspricht. Die Folge ist oft soziale Ausgrenzung, da das Kind andere Bedürfnisse als die meisten Kinder seines Alters hat.
Unsere Gesellschaft erwartet bei Hochbegabung besondere Leistungen. So werden auch in der Schule Höchstleistungen in allen Fächern gefordert, die sich am jeweiligen Klassendurchschnitt mit den entsprechenden “normalen” Verarbeitungsprozessen orientieren. Die charakteristische Stärke liegt bei hoch begabten Kindern aber gerade in ihrer Lernschnelligkeit, Wahrnehmungsintensität und Informationsverarbeitung. Durchschnittliche Ziele erscheinen ihnen langweilig. Wo traditionelle Lösungswege gefragt sind, beschreiten Hochbegabte oft unkonventionelle Lösungswege.
Konfliktpotential für das hoch begabte Kind liegt somit letztlich in der Diskrepanz von erwarteter gesellschaftlicher Norm zum eigenen unkonventionellen Denken und Fühlen.
In diesem Problemkreis finden sich schließlich:
- Verhaltensauffälligkeiten (”Hyperaktivität”, Klassenclown, Aggressivität, Streitigkeiten mit Lehrern/Schülern)-
- Schulversagen / -verweigerung-
- soziale Ausgrenzung-
- psychosomatische Beschwerden (Kopf-, Bauchschmerzen, morgendliches Erbrechen)-
- Minderwertigkeitsgefühle-
- depressive Verstimmungen bis hin zur Suizidgefährdung